Forum Religionskritik
Registrierung Kalender Mitgliederliste Teammitglieder Suche Häufig gestellte Fragen Zur Startseite

Forum Religionskritik » WISSENSCHAFT & FORSCHUNG » Gesundheit & Medizin » MEDIZIN & freie MARKTWIRTSCHAFT » Hallo Gast [Anmelden|Registrieren]
Letzter Beitrag | Erster ungelesener Beitrag Druckvorschau | An Freund senden | Thema zu Favoriten hinzufügen
Seiten (2): « vorherige 1 [2] Neues Thema erstellen Antwort erstellen
Zum Ende der Seite springen MEDIZIN & freie MARKTWIRTSCHAFT
Autor
Beitrag « Vorheriges Thema | Nächstes Thema »
bonito bonito ist männlich
Lugal


images/avatars/avatar-72.jpg

Dabei seit: 05.11.2009
Beiträge: 5.072

Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

"MEDIZIN & freie MARKTWIRTSCHAFT ... wie verträgt sich das?"
Gar nicht!

Weil es halt bei Medizin, Pflege etc. nicht primär um eine Gewinnmaximierung geht (gehen sollte), sondern um die Patienten.

__________________
Unter den vielen Lügenmächten, die in der Welt wirksam sind, ist die Theologie eine der ersten. (Gandhi)
02.08.2017 13:25 bonito ist offline E-Mail an bonito senden Beiträge von bonito suchen Nehmen Sie bonito in Ihre Freundesliste auf
língyáng língyáng ist männlich
Routinier


images/avatars/avatar-510.jpg

Dabei seit: 01.07.2017
Beiträge: 284

Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Zitat:
Original von chandartha
Zitat:
língyáng: aber primär geht es mir um Aufklärung über - oft haarsträubende - Missstände und unseriöse Wissenschaftlichkeit


In die Verteidigerrolle springe ich, wenn ich finde das die (in dem Fall auf jeden Fall notwendige) Kritik zu pauschal und daher unkonstruktiv erfolgt. Hier, in deinem Fall nahm ich jedoch die Rolle des "absoluten" Skeptikers an. (womit ich deine Kritik nicht zu pauschal fand und ihr im Grunde zustimme - in dem Sinne zustimme, eh alles skeptisch zu betrachten, also auch dies) ...

Hmmm ... freu ... ich glaub' ich hab' dich jetzt wirklich verstanden. ja

Und ich empfinde deine Skepsis nicht nur für legitim, sondern für gut, richtig und wichtig! ja , denn ich will keine "Gläubigen", sondern logisch mitdenkende Menschen als Gegenüber, die mich gerne darauf aufmerksam machen können, wenn mir (nobody is perfect) Fehler unterlaufen (wobei ich meine, allein meines Eigenanspruchs wegen, diesbezügl. schon im Vorfeld vergleichsweise sehr selbstkritisch zu sein).



Zitat:
Original von chandartha
... Und bevor ich jetzt wieder in irgend eine Rolle verfalle: diese Aufklärung (über - oft haarsträubende - Missstände und unseriöse Wissenschaftlichkeit) ist notwendig und richtig. Nur bei aller notwendigen Kritik sollten wir auch nicht vergessen, was uns die Wissenschaft und Medizin schon alles brachte und uns fragen, welcher Anteil ist höher - das zu Kritisierende, oder das zu Lobende? ...

Abgesehen davon, dass ich persönlich, die Vokabel "Lob" extrem sparsam und nur in wirklich adäquaten Zusammenhängen verwende, weil ich mich nicht in einer Lehrer/Schüler-, Meister/Lehrling-, oder Chef/Angestellen-Beziehung ... sehe, mich auch nicht als Teil einer jurist. Anklage oder gar als Richter/-in betrachte (das überlasse ich unseren rechtsstaatlichen Institutionen - Selbstjustiz ist glücklicherweise hierzulande passé und geächtet) also auch die (personalisierte) Schuldfrage für mich nicht interessant ist, fühle ich mich primär der Aufklärung bzw. "Ermittlung" verpflichtet.

Abgesehen davon also möchte ich auf meine obige Passage erinnern:
Zitat:
língyáng:
Kurz und gut ... ich stelle klar: Ich verurteile unser Medizinwesen nicht pauschal, kenne sehr wohl die postiven Seiten bzw. Segmente desselben, aber primär geht es mir um Aufklärung über - oft haarsträubende - Missstände und unseriöse Wissenschaftlichkeit, und ich erhoffe mir, dass das geneigte Leser immer im Hinterkopf behalten.

... und dir auch viel Vergnügen wünschen, bei dem Versuch med. Positives und med. Negatives gegeneinander abzuwägen. Augenzwinker
Ich befasse mich seit Jahrzehnten auch mit diesem Abwägen und bin bislang noch zu keinem tragfähigen Ergebnis gekommen. Und m.W. ist das auch noch niemand anderen gelungen. Die Kriterien sind einfach viel zu unterschiedlich, um dazu eine stimmige Aussage zu treffen.

Zudem gibt es dabei eine hochproblematische Frage:
"Wieviele, durch mittel- oder unmittelbare med. Interventionen zu Tode gekommene Menschen, können durch Erfolge in anderen Bereichen gerechtfertigt werden?" ... 100 ?!? .... 1.000 ?!? .... 1.000.000 ?!? ... kopfkratz

... ich meine:
Ein extrem brisantes Terrain, das man bei so einer Abwägung diesbezügl. betreten muss. Überlegen



Zitat:
Original von chandartha
... Und bedenkt man, unter welchen (medizinischen) Umständen wir mal lebten und ein großer Teil der Weltbevölkerung noch heute lebt, ist zumindest für uns hier das zu Lobende wohl mehr - trotz aller notwendigen Kritik.

Ja, wir können uns darüber freuen. Und wie steht's mit der Freude in den sogen. Drittweltländern?
Ich verfolge die sogen. "Entwicklungshilfe" seit über einem halben Jahrhundert und kann - mehr oder weniger verzweifelt - nur noch den Kopf schütteln nein nein nein
Wenn das das Ergebnis der ach so hochgejubelten Globalisierung ist, dann muss man konstatieren: In diesem Entwicklungshilfe-System ist nicht nur ein, sondern mehrere Würmer am 'rumfuhrwerken.

Deinen Eingangssatz bei dieser Passage möchte ich auch etwas "korrigieren", wenn du erlaubst.

Statt:
>> ... Und bedenkt man, unter welchen (medizinischen) Umständen wir mal lebten und ein großer Teil der Weltbevölkerung noch heute lebt ...<<

in:
Und bedenkt man, unter welchen medizinischen, aber vor allem hygienischen und materiell-wohlständisch desolaten Umständen wir mal lebten und ein großer Teil der Weltbevölkerung noch heute lebt ...

Auch hier gilt es m.E. gewissenhaft abzuwägen, welchen Effekt med. Interventionen haben/hatten und welchen die Gesamt-Lebensumstände. ja


Zitat:
Original von bonito
"MEDIZIN & freie MARKTWIRTSCHAFT ... wie verträgt sich das?"
Gar nicht!

Weil es halt bei Medizin, Pflege etc. nicht primär um eine Gewinnmaximierung geht (gehen sollte), sondern um die Patienten.


top ... mit Betonung auf "SOLLTE".

Und da ist eine (von mehreren) Ursachen, wo man radikal (radix=Wurzel, also: an der Wurzel) ansetzen muss/müsste. Ein Herumlaborieren an Symptomen nützt m.E. nichts, außer dass wir unser Gewissen kurzfristig ruhig stellen. ja

__________________
Philosophie bedeutet Liebe zur Wahrheit und:
Die Schmerzen einer Enttäuschung
sind die Geburtswehen einer Wahrheit

(língyáng)

Dieser Beitrag wurde 11 mal editiert, zum letzten Mal von língyáng: 03.08.2017 01:37.

02.08.2017 14:05 língyáng ist offline Beiträge von língyáng suchen Nehmen Sie língyáng in Ihre Freundesliste auf
língyáng língyáng ist männlich
Routinier


images/avatars/avatar-510.jpg

Dabei seit: 01.07.2017
Beiträge: 284

Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

04.08.2017

>> Keine Hilfe für Afrika - Auch die neue Entwicklungspolitik ist unehrlich

Die deutsche Bundesregierung, insbesondere ihr zuständiger Minister Gerd Müller, ist mächtig stolz auf ihre neue Entwicklungspolitik. [...].

So viel der schönen Theorie. Mit der Realität hat das leider nach wie vor nicht viel zu tun. Wenn wir ehrlich miteinander umgehen, müssen wir zugeben, dass nicht die Entwicklung Afrikas das Interesse für den Schwarzen Kontinent entfacht hat. Es war der enorme Zustrom von Flüchtlingen und die Sorge, dass die Fluchtbewegungen noch dramatisch zunehmen könnten.

Das Zauberwort ist: Fluchtursachenbekämpfung. Auch Kanzlerin Merkel wird nicht müde, dies zu betonen. Doch so wie Deutschland und die EU das Problem angehen, kann das Ziel nicht erreicht werden. Im Gegenteil, die Zahlen werden eher zunehmen. Und wir selbst tragen massiv dazu bei.

Libyscher Sündenfall

Es gibt ein zentrales Ereignis, das den Exodus aus Afrika einleitete: der Sturz des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi durch eine militärische Intervention [...] Der libysche Sündenfall hatte noch eine fatale Wirkung: Rebellen wie Soldaten plünderten Gaddafis Waffendepots. Sturmgewehre, Granatwerfer und [...] sind nun in Händen islamistischer Milizen, die ganze Länder terrorisieren, von Mali über Nigeria bis Somalia.

Doch nicht nur Krieg vertreibt die Menschen. Noch schlimmer wirken Not und Perspektivlosigkeit. Auch das hat mit unserer Politik zu tun. Nach wie vor fischen europäische Fangflotten die Gewässer vor Afrikas Küsten leer. [...], exportieren wir weiter zu Dumpingpreisen [...] und zerstören jeden Ansatz, dass sich dort lokale Märkte entwickeln könnten.

[...] Trotz der noblen Absichtserklärungen setzt der gewiss rechtschaffene CSU-Minister [...] auf die Kooperation mit Großkonzernen. Selbst wenn es gelänge, große Investitionen nach Afrika zu locken, würde das an einem der zentralen Probleme wenig ändern [...].

[…] Überhaupt fehlt es an Glaubwürdigkeit. Wie kann es sein, dass ausgerechnet aus Äthiopien so viele Flüchtlinge nach Europa kommen, wo dies ein deutscher Entwicklungsschwerpunkt ist? Das Wirtschaftswachstum, das dort entstanden ist, wird erkauft durch brutale Umsiedlung ganzer Dörfer und gnadenlose Unterdrückung von Protest. [...]. Die alte Entwicklungspolitik ist gescheitert. Selbst die Weltbank stellte vor Jahren fest, dass 85 Prozent der Gelder veruntreut werden. Afrikanische Experten kritisieren schon lange, [...]. Sie fordern immer vehementer ein Ende der Entwicklungspolitik, wie wir sie kennen. [...]

Quelle: Nürnberger Nachrichten
http://www.nordbayern.de/keine-hilfe-fur-afrika-1.6459647



19.05.2016

Jean Ziegler:
«Ein Kind, das heute an Hunger stirbt,
wird ermordet»


Jean Ziegler polarisiert immer noch. Aber selbst seine Gegner bewundern den unermüdlichen Kampfgeist des 82-jährigen Soziologen, SP-Politikers und Buchautors, dessen Ausdruck ‹Raubtierkapitalismus› längst zu einem stehenden Begriff geworden ist.

Auch sein neustes Buch (2015) lässt keine Altersmilde erkennen. ‹Ändere die Welt!›, [...] fordert nichts weniger als die grosse Revolution: ‹Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen›. [...]

Der Ton ist auch im Klappentext dringlich: «Die Kriege sind zurück, Hunger und Not gehören auch in Europa wieder zum Alltag, aufklärungsfeindliches Denken gewinnt an Boden». Und: «Wir leben in einer kannibalischen Weltordnung. Jedoch erhebt sich gegen die weltweite Tyrannei der Oligarchen des globalisierten Finanzkapitals, ihrer Satrapen und ihrer Söldner ein neues geschichtliches Subjekt: die weltweite Zivilgesellschaft».

Gleichzeitig hält Ziegler fest, die Welt verfüge «zum ersten Mal in ihrer Geschichte» über die Ressourcen, Hunger, Epidemien und Tyrannei zu besiegen. Deshalb bezeichnet er auch das Verhungern eines Kindes als ‹Mord›.

Warum soll man sein rund zwanzigstes Buch lesen? Wie muss die derzeitige Welt ändern, damit das Leben für alle Menschen besser wird? Und wo sieht er die Probleme bei der Flüchtlingskrise?
Diesen und anderen Fragen stellte sich Jean Ziegler am 19. Mai 2016 im Telebasel Talk.

Viedeo-Interview, Quelle und ganzer Text:
https://telebasel.ch/2016/05/19/jean-zie...-wird-ermordet/



10.03.2010

„[…] Als Ernährung, Hygiene und der allgemeine Lebensstandard besser wurden, ging die Zahl der Opfer von Tuberkulose und anderen Infektionen drastisch zurück […]. Der in der Menschheitsgeschichte wohl beispiellose Rückgang der führenden Todesursachen [Infektionskrankheiten] verlängerte die Lebenserwartung der Deutschen drastisch. Um 1900 hatte sie für ein einjähriges Kind ca. 46 Jahre betragen, 1950 waren es bereits 20 Jahre mehr. […]“

[Info nebenbei: In der BRD starteten die ersten Impf-Programme in den 1960ern (Ausnahme: Pocken-Impfg., ein Sonderfall, der nachweislich in sich schon eine Katastrophe war und eigens abgehandelt werden müsste.)]

Quelle:
Ärzteblatt; Artikel „Eine Todesursache ändert ihren Charakter“ von Klaus Koch
https://www.aerzteblatt.de/archiv/21563/...ihren-Charakter



Aber schon Ende des 20. Jh. machte Prof. Thomas McKeown mit seinen Büchern darauf aufmerksam:

„[…] 'Die moderne Medizin', urteilt denn auch der britische Sozialmediziner Prof. Thomas McKeown, 'ist nicht annähernd so wirkungsvoll, wie die meisten Menschen glauben'. Viele der Wohltaten, die bis vor kurzem der wissenschaftlichen Heilkunde gutgeschrieben wurden, gehen nach Ansicht des Professors in Wahrheit keineswegs auf das Konto der Mediziner.

Beim Studium alter Sterberegister, die in England und Wales schon seit etwa 1840 Angaben über die Todesursachen enthalten, kam McKeown zu erstaunlichen Erkenntnissen: Die Sterblichkeit an zahlreichen Krankheiten, darunter Cholera, Typhus, Tuberkulose, Masern, Scharlach oder Keuchhusten, ging bereits damals kontinuierlich zurück – lange bevor die Erreger dieser Seuchen identifiziert und Medikamente gegen sie entwickelt wurden.

Weder die Entdeckung bestimmter Mikroben, gewöhnlich als 'Durchbruch' gefeiert, noch der meist viel später beginnende Einsatz entsprechender Heilmittel hatte, wie McKeown feststellte, jemals einen nennenswerten Einfluss auf den gleichmäßigen Abwärtstrend der Sterblichkeitskurven.

Zum Beispiel:
An Tuberkulose starben 1840 in England & Wales rund 4.000 Menschen.
Im Jahre 1882, als Robert Koch den Tuberkel-Bazillus entdeckte,
wurden dort nur noch 2.000 Tuberkulose-Opfer verzeichnet.

Als schließlich 1947 mit dem Antibiotikum Streptomycin das erste wirksame Medikament gegen Tuberkulose auf den Markt kam, erlagen dem Lungenleiden in England & Wales jährlich nur noch 400 Menschen. Den Anteil des angeblichen Wundermittels am Rückgang der Tuberkulose seit ca. 1850 beziffert McKeown auf lediglich drei Prozent. [...]“

Quelle:
Spiegel print; Artikel „Begrabene Illusionen – Erfolge und Scheinerfolge der Medizin“ von Klaus Franke.
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14324458.html


Bücher von Prof. Thomas McKeown:
https://www.amazon.de/s?ie=UTF8&field-ke...g=firefox-de-21



Wir erfahren also
Sterbe-Register belegen:
Nicht medizinische Interventionen
führ(t)en zu einer drastischen Verlängerung der Lebenserwartung

in den Industrienationen
(wie z.B. USA, Deutschland, England, Frankreich
… nach Jahrzehnten Verspätung auch z.B. Brasilien und Mexico),

sondern die umfassende Verbesserung
der Lebensumstände generell.

(Impfprogramme z.B. wurden erst gestartet
als die Infektions-Krankheiten schon drastisch gesunken waren.)


Wer also in Afrika wirklich intervenieren will, damit nicht alle 15 Sekunden dort ein Kind elend stirbt, muss für entsprechende Lebensbedingungen sorgen und nicht diesen Staaten z.B. teure Impf-Programme verkaufen.

… aber ich verwette ein Jahreseinkommen, dass nicht nur Jean Ziegler das nicht mehr erleben wird, sondern kaum jemand hier in diesem Forum. Die weltweite Ignoranz von Fakten und Inkonsequenz im eigenen Lebensstil von uns „WohlstandsbürgerInnen“ wird eine humane Lösung zu verhindern wissen. Und Jean Zieglers Provokanz: "Ein Kind, das dort verhungert, wird ermordet" geht uns zum einen Ohr hinein und zum anderen wieder hinaus, oder wir finden tausend Ausflüchte, warum wir unser Leben nicht ändern können.

keine Ahnung … „uns geht’s ja gut!“ rotanlauf

__________________
Philosophie bedeutet Liebe zur Wahrheit und:
Die Schmerzen einer Enttäuschung
sind die Geburtswehen einer Wahrheit

(língyáng)

Dieser Beitrag wurde 7 mal editiert, zum letzten Mal von língyáng: 08.08.2017 13:19.

08.08.2017 12:58 língyáng ist offline Beiträge von língyáng suchen Nehmen Sie língyáng in Ihre Freundesliste auf
bonito bonito ist männlich
Lugal


images/avatars/avatar-72.jpg

Dabei seit: 05.11.2009
Beiträge: 5.072

Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Ein Problem hier ist, dass die Behauptungen Prof. Thomas McKeown aus seinen populärwissenschaftlichen Büchern durchaus umstritten sind.

U.a. sind seine Behauptungen nicht statistisch stichhaltig - oder anders ... können wir also gänzlich auf die Medizin verzichten, da sie ja quasi keine Wirkung hat?
Gut wenn man eine entsprechend gute Gesundheit hat, keine Unfälle etc. ...

Zur Validität seiner Behauptungen:
Zitat:

Applying a variety of sophisticated new statistical and analytic techniques to the parish registers to overcome problems of accuracy and interpretation, Wrigley and Schofield produced a comprehensive and authoritative volume that conclusively demonstrated the invalidity of a central feature of McKeown's reasoning—that the growth in population was due to a decline in mortality, not a rise in fertility. Indeed, the book treated the McKeown thesis dismissively, consigning it to mentions in a few footnotes.
...
Probably the most detailed and thorough critique of McKeown's research came from Simon Szreter in a 1988 article.27 Szreter claimed that the thesis suffered from conceptual inaccuracy, especially with respect to the catchall term “rising standards of living,” which conflated a heterogeneous group of phenomena, some of them related to economic changes and others to social reforms. More damning, Szreter conducted a new analysis of McKeown's own data on mortality trends in the 19th century and found that McKeown had misinterpreted the death records, confusing tuberculosis, bronchitis, and pneumonia. This misreading led to, among other errors, an incorrect description of the timing of the decline in tuberculosis mortality and an underestimation of deaths from bronchitis and pneumonia, which Szreter asserted played a more prominent role in overall mortality than McKeown had allowed. In Szreter's new interpretation of the data, public health measures such as clean water and milk supplies assumed greater importance, while changing social conditions, to which McKeown had attributed beneficial effects such as improvements in nutrition, were in fact a detrimental influence, resulting in, for example, overcrowded and poorly constructed housing resulting from rapid urbanization.

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1447153/

Auf Deutsch: Die Thesen von McKeown sind fehlerhaft recherchiert und halten einer Überprüfung nicht stand.


Das große Problem mit Afrika ist vor allem die Überbevölkerung und die damit zusammenhängende Armut. Da helfen Impfungen sicher weniger, als ein paar Kondome.
Aber das passt halt nur selten in die Kulturen oder Religionen.

__________________
Unter den vielen Lügenmächten, die in der Welt wirksam sind, ist die Theologie eine der ersten. (Gandhi)
08.08.2017 16:22 bonito ist offline E-Mail an bonito senden Beiträge von bonito suchen Nehmen Sie bonito in Ihre Freundesliste auf
língyáng língyáng ist männlich
Routinier


images/avatars/avatar-510.jpg

Dabei seit: 01.07.2017
Beiträge: 284

Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Zitat:
Original von bonito
Das große Problem mit (lingyang: ich erlaube mir zu korrigieren, nicht "mit" sondern IN ...)Afrika ist vor allem die Überbevölkerung und die damit zusammenhängende Armut. Da helfen Impfungen sicher weniger, als ein paar Kondome.
Aber das passt halt nur selten in die Kulturen oder Religionen.

Ja und Nein!

Ja,
weil Impfungen m.E. primär "westlichen" Pharmakonzernen nützen, wie auch sonst jeder € Entwicklungshilfe in Form von zwei € wieder in die Kassen der "Erst-"Welt-Länder fließt.
Ja,
weil religiöse Kulturen und Traditionen dort (wie auch bei uns !!!) immer eine konstruktive Entwicklung sabotieren.

Nein,
weil die Armut in Afrika (wie üblich in postkolonialen Regionen) nicht länderintern überwunden werden kann, solange die ehem. Kolonialstaaten weiter - auf wirtschaftlichem Sektor - eine interne Armuts-Bewältigung sabotieren.
Nein,
weil die Armut - faktisch! - global gesehen nicht nötig wäre. U.a. lt. J. Ziegler könnte die ganze Weltbevölkerung sehr wohl ausreichend ernährt werden. Aber solange wir z.B. lieber Lebensmittel aus Profit-Gründen vernichten, statt damit z.B. Kinder am Leben zu erhalten, wird auch diese lebensrettende Nothilfe sabotiert.

Außerdem und grundsätzlich:
Eine "(afrikanische) Überbevölkerung", bei der alle 15 Sekunden ein Kind stirbt und ganze Länder durch AIDS massiv dezimiert werden?!? kopfkratz ... irgendwas kann an dieser Aussage nicht stimmig sein.


Zitat:
Original von bonito
Ein Problem hier ist, dass die Behauptungen Prof. Thomas McKeown aus seinen populärwissenschaftlichen Büchern durchaus umstritten sind.

U.a. sind seine Behauptungen nicht statistisch stichhaltig ...

Ach ja anKoppfass , was nicht so alles "umstritten" ist. lol - Auch Autoritäten sind umstritten und was uns die Historie lehrt ist auch, dass oft gerade sogen. "Querulanten" und diffamierte Kritiker ("Ketzer") am Ende recht behielten.

Eigentlich dürfte es doch gar kein Problem sein, wenn harsche oder falsche Kritik geübt wird, man selbst aber sicher ist, richtig zu liegen ja . Mit - hier seriös-wissenschaftlichen - zweifelsfreien Fakten kann man eigene Behauptungen beweisen und der ganze Zwergerl-Aufstand ist vom Tisch! ja

Aber:
Auch "unsere" Autoritäten auf diesem Gebiet, können seriös-wissenschaftlich offenbar nicht nachweisen dass ihre Behauptungen stimmig sind. Und auf's Statistik-"Verdrehen" verstehen sich Autoritäten bekanntermaßen auch sehr virtuos. - ein sehr müdes Gegenargument also müde .

Und letztlich gilt sowieso - wie immer und überall:
Nicht ein Kritiker, sondern derjenige, der als Erstes etwas behauptet steht in der Beweispflicht! Alles andere ist eine illegitime Beweislast-Umkehr und i.a.R. ein suspektes Ablenkungsmanöver.

Ich denke:
Medizinisch Unkundige, werden sich entweder sehr mühsam selbst fachkundig machen müssen, um klar beurteilen zu können, oder ... glauben müssen!

Fragt sich dann nur: WEM?!?
... der Autoritätsmeinung?!? ... der Mehrheitsmeinung?!? ... der Außenseitermeinung?!? ... Je nach "Geschmack", kann sich jede/-r selbst bedienen.

Oder jetzt, nach dem Sich-bewusst-werden dieser Qual der Wahl, vielleicht doch sich lieber selbst fachkundig machen?!? kopfkratz ... und/oder nach Kants Immanuel bei sich selbst den Mut entwickeln, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen?!? verwirrt

Meine Meinung:
Das kann jede/-r so halten, wie sie/er es will! Ich - für mich - weiß, was ich weiß und weiß auch, was ich nicht weiß. Glauben ist nicht mein Ding!


Zitat:
Original von bonito
... oder anders ... können wir also gänzlich auf die Medizin verzichten, da sie ja quasi keine Wirkung hat? ...

Ich denke nicht in Schwarz/Weiss-Kategorien und bin mir sehr bewusst über die hervorragenden Leistungen in bestimmten Bereichen unserer Schulmedizin. Also stellt sich für mich nicht die Frage nach entweder (Schul-)Medizin oder gar nix, bzw. Schnick-Schnack-Scharlatanerie.



Zitat:
Original von bonito
... Gut wenn man eine entsprechend gute Gesundheit hat, keine Unfälle etc. ...

Nein, das hat nichts damit zu tun, dass jemandem es egal sein kann, weil er/sie gesundheitlich nicht betroffen ist. Das Gegenteil ist der Fall! Gerade diejenigen, denen es gut geht genießen verständlicherweise ihr Leben und scheren sich einen feuchten Kehricht um Missstände im Gesundheitswesen.

Darum kümmern tun sich meiner Erfahrung nach entweder Betroffene, die noch am Leben, aber von der Schulmedizin aufgegeben wurden (die sogen. Todgeweihten), oder Fachkundige, die einen Gesamtüberblick über die Situation haben und Missstände beheben wollen.


Zitat:
Original von bonito
Ein Problem hier ist, ... Prof. Thomas McKeown ...

Nein. Ein Problem hier ist, ...
dass wir gerade nur einen kleinen Teilbereich meines obigen Beitrages diskutieren und damit den Gesamtzusammenhang zerfleddern.

Aber gut, macht nix. Wer nicht interessiert ist, für die/den hab ich's eh nicht geschrieben. Und wer interessiert ist, kann ja zurückscrollen und sich selbst eine eigene Meinung im Gesamtzusammenhang bilden.
_________________________________________________

Alle 15 Sekunden stirbt innerhalb unserer "Globalisierung" ein Kind an Hunger, und unzählige Erwachsene an eigentlich heilbaren Krankheiten. Höchste Zeit sich - wenigstens! - dafür zu schämen! ... und nicht Ausflüchte zu suchen, für unsere eigene - eigentlich konstruktive - Scham. Denn Scham kann motivierend und konstruktiv wirken, solange sie nicht christ-moralisch, und damit destruktiv, auf Sexualität bezogen wird!


Wie schon MSS sagte, er schäme sich dafür,
Teil dieser Homo-demens-Spezies zu sein,
aber qua Geburt sich nicht daraus lösen zu können,
sage ich:

Ich schäme mich dafür,
Teil dieser Wohlstandsgesellschaft zu sein,
aber qua Geburt mich nicht daraus lösen zu können,
aus diesem "Raubtier-Kapitalismus"
auf dessen Grabstein
(lt. Volker Pispers)
richtigerweise stehen muss:
"Zuviel war nicht genug!"


__________________
Philosophie bedeutet Liebe zur Wahrheit und:
Die Schmerzen einer Enttäuschung
sind die Geburtswehen einer Wahrheit

(língyáng)

Dieser Beitrag wurde 35 mal editiert, zum letzten Mal von língyáng: 09.08.2017 04:27.

09.08.2017 00:22 língyáng ist offline Beiträge von língyáng suchen Nehmen Sie língyáng in Ihre Freundesliste auf
bonito bonito ist männlich
Lugal


images/avatars/avatar-72.jpg

Dabei seit: 05.11.2009
Beiträge: 5.072

Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Ich habe mehr und mehr das Gefühl, dass man mit dir nicht Diskutieren kann.
Schade

__________________
Unter den vielen Lügenmächten, die in der Welt wirksam sind, ist die Theologie eine der ersten. (Gandhi)
09.08.2017 08:06 bonito ist offline E-Mail an bonito senden Beiträge von bonito suchen Nehmen Sie bonito in Ihre Freundesliste auf
língyáng língyáng ist männlich
Routinier


images/avatars/avatar-510.jpg

Dabei seit: 01.07.2017
Beiträge: 284

Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

>> Diskussion
Eine Diskussion ist ein Gespräch (auch Dialog) zwischen zwei oder mehreren Personen (Diskutanten), in dem ein bestimmtes Thema untersucht (diskutiert) wird, wobei jede Seite ihre Argumente vorträgt. Als solche ist sie Teil zwischenmenschlicher Kommunikation.
Das Wort Diskussion stammt vom lat. Substantiv discussio „Untersuchung, [...] Prüfung“[1] ab. Das Verb dazu heißt discutere und bedeutet „eine Sache diskutieren = untersuchen, erörtern, besprechend erwägen“. [2]...<<

Quelle:
https://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion


Zitat:
Original von bonito
Ich habe mehr und mehr das Gefühl, dass man mit dir nicht Diskutieren kann.
Schade

Und was sind deine Gründe für dein Gefühl?

__________________
Philosophie bedeutet Liebe zur Wahrheit und:
Die Schmerzen einer Enttäuschung
sind die Geburtswehen einer Wahrheit

(língyáng)
09.08.2017 15:06 língyáng ist offline Beiträge von língyáng suchen Nehmen Sie língyáng in Ihre Freundesliste auf
bonito bonito ist männlich
Lugal


images/avatars/avatar-72.jpg

Dabei seit: 05.11.2009
Beiträge: 5.072

Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Wenn ich z.B. versuche Argumente zu bringen, die nicht zu deiner These passsen, mit Spot u.ä. überschüttet werde.

Du bist inhaltlich gar nicht auf die Argumente eingegangen, versuchst aber alles, um meine Argumente lächerlich erscheinen zu lassen.

Das sind keine gute Grundlagen für eine Diskussion.

__________________
Unter den vielen Lügenmächten, die in der Welt wirksam sind, ist die Theologie eine der ersten. (Gandhi)
09.08.2017 15:30 bonito ist offline E-Mail an bonito senden Beiträge von bonito suchen Nehmen Sie bonito in Ihre Freundesliste auf
língyáng língyáng ist männlich
Routinier


images/avatars/avatar-510.jpg

Dabei seit: 01.07.2017
Beiträge: 284

Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

@ bonito:
Wie schon öfter:
Das driftet hier m.E. zu weit vom Thema ab. Gerne weiter in der Plauderecke. Siehe also bitte hier
http://religionskritik.net/forum/thread....84547#post84547

__________________
Philosophie bedeutet Liebe zur Wahrheit und:
Die Schmerzen einer Enttäuschung
sind die Geburtswehen einer Wahrheit

(língyáng)

Dieser Beitrag wurde 1 mal editiert, zum letzten Mal von língyáng: 14.08.2017 11:21.

14.08.2017 10:24 língyáng ist offline Beiträge von língyáng suchen Nehmen Sie língyáng in Ihre Freundesliste auf
língyáng língyáng ist männlich
Routinier


images/avatars/avatar-510.jpg

Dabei seit: 01.07.2017
Beiträge: 284

Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

>> Und auf einmal im Krankenhaus
[...]
„In welches Krankenhaus soll ich Sie überweisen?“, fragt die Hausärztin. Meinen Leibschmerzen muss auf den Grund gegangen werden, mit einer Tablette ist es nicht getan. Ich überlege und entscheide mich für ein alteingesessenes, großes Krankenhaus in der Nähe meines Wohnorts. Und da „gehen Sie gleich zur Rettungsstelle“, gibt mir die Hausärztin auf. Werde ich nicht von ihr eingewiesen und erhalte gleich ein Bett? Nein, jeder Patient muss zuerst in die Notaufnahme. Das war auch schon mal anders, denke ich.

Angekommen im Krankenhaus, muss ich mich auf eine Wartezeit von sehr langen fünf Stunden einrichten. Nicht schön, aber man kennt das ja vom Hörensagen.

In der Anmeldung sitzt, durch eine Scheibe getrennt, eine strenge Mitarbeiterin, der man ansieht, dass ihr Job überwiegend aus Beruhigen und Vertrösten besteht. Ich werde demnächst zur Ersteinschätzung aufgerufen und solle draußen warten, sagt sie. Ersteinschätzung klingt gut. Vielleicht lassen sich die fünf Stunden durch die richtige Weiterleitung einer Problempatientin doch noch reduzieren? Im Wartebereich weinen Babies, stöhnen Blessierte oder anderweitig Leidende. Menschen kommen, Menchen gehen. Und tatsächlich. Schon nach einer Viertelstunde nimmt mir ein freundlicher Krankenpfleger Blut ab, befragt mich freundlich über meine Beschwerden und schickt mich in die Gynäkologie: „Dann sehen wir weiter.“


Nur eine einzige Chirurgin

Im Warteraum der Gynäkologie angekommen, höre ich die Schreie der Gebärenden hinter den Türen und werde immer kleiner. Der Kreißsaal. Ab jetzt verstreicht Stunde um Stunde, mein Begleiter und ich lauschen den Schreien und sind zunehmend mit den Nerven runter. Werdende Väter rennen hin und her, Schwangere kommen zur Untersuchung. Nach vier endlosen Stunden wird mein Name aufgerufen. Unfassbar, ich bin dran! Ein freundlicher Arzt, vermutlich aus Indien oder Pakistan, macht mir Mut, muss aber mehrmals die Untersuchung unterbrechen, um in den Kreißsaal zu rennen. Ich sitze auf dem Gynäkologenstuhl und versuche, mich nicht vernachlässigt zu fühlen. Dem Arzt sind die Unterbrechungen unangenehm, aber nebenan wollen halt Babys auf die Welt. Da muss man schon mal warten. Am Ende stellt sich heraus, von seiner Seite aus bin ich gesund, der Arzt verweist mich zurück in die Rettungsstelle.

Mir stürzen die Tränen aus den Augen. „Sagen Sie mir bitte nicht, dass ich mich jetzt wieder unten anstellen muss, als sei ich gerade erst gekommen!“ Der Arzt bedauert meine Verzweiflung, doch er sieht keine andere Möglichkeit. Zurück in die Rettungsstelle. Ich muss zur Chirurgin. Die hat jedoch gerade eben eine Operation begonnen und muss einen Bypass legen. Am Computer kann der Gynäkologe sehen, wann die OP zu Ende ist, und will veranlassen, dass die Chirurgin direkt danach zu mir kommt. Die OP werde ungefähr eineinhalb Stunden dauern. Ich würde ihr ja eine Pause gönnen, aber es gibt im ganzen Haus nur diese eine Chirurgin im Dienst. So schlecht es mir auch geht, ich möchte nicht mit ihr tauschen.


Zehn Stunden in der Rettungsstelle

Fünf Stunden sind seit meiner Ersteinschätzung vergangen, und ich nehme wieder im Wartebereich der Rettungsstelle Platz. Marke Holzklasse, weichere Sitzgelegenheiten gibt es nicht. Schmerzgeplagte sitzen mit langen Mienen herum, ein junger Mann mit Migrationshintergrund knetet sein Bein, er sitzt bereits acht Stunden hier. Nachzufragen traut er sich nicht. Ich versinke in dumpfes Brüten, nach weiteren zwei Stunden schicke ich meinen Begleiter weg, der Hund ist allein zu Haus.

Ohne Buch und ohne Smartphone bin ich nun auf mich und mein Elend zurückgeworfen. Ich spüre, wie mein Selbstbewusstsein mit jeder weiteren Stunde zusammensackt. Mir fallen die Sicherheitsleute auf, die den Eingang zu den Behandlungsräumen bewachen. Vermutlich für den Fall, dass einer durchdreht, vor Schmerzen oder vor Ungeduld. Ich überlege, ob hier gerade wohl mehr Sicherheitsleute als Mediziner arbeiten. Der indisch-pakistanische Arzt kommt extra zu mir, um mir zu sagen, die OP der Chirurgin ziehe sich hin, doch er habe mich im Auge. Ich danke ihm, aber ich ahne, dass ich hier noch ewig sitzen werde.

Gerade, als mich der Gedanke beschleicht, „na gut, dann finden die dich hier eben morgen früh tot unter den Holzsitzen“, wird mein Name aufgerufen. Ich kann es nicht glauben. Seit ich hier angekommen bin, sind zehn qualvolle Stunden vergangen, es ist neun Uhr abends. Und nun beugt sich tatsächlich die freundliche Bypass-Chirurgin über mich, sieht den Ultraschall und sagt, „oha, Sie müssen erst Mal zum CT.“ Wie jetzt? „Bitte sagen Sie mir, dass das jetzt nicht wieder vier Stunden dauern wird!“ Die Chirurgin sieht mich gequält an.

In der Rettungsstelle bekomme ich jetzt ein Bett zugewiesen und zwei riesige Konzert-Becher mit Kontrastmittel, das vor dem CT getrunken werden muss. Ich werde im Flur abgestellt. Um mich herum wird geröchelt, gestöhnt, gelitten und gestorben. Mir fallen die Bilder von Hieronymus Bosch ein, ich konzentriere mich auf mein Getränk. Als mir davon wie angekündigt ordentlich übel ist, eilt ein Pfleger vorbei und sagt, „das brauchen Sie nicht zu trinken, wir spritzen Ihnen das doch!“ „Sagen Sie das nicht mir“, erwidere ich und bin erleichtert, als er mich schließlich aus dieser Apokalypse heraus zum CT in den Keller fährt.

„Ja, wo bleiben Sie denn, ich warte schon seit ‘ner Dreiviertelstunde auf Sie“, ruft der Assistent beim CT. Die Untersuchung ist dann schnell überstanden. Ob das jetzt wohl wieder vier Stunden dauert, bis die Ärztin sich die Bilder ansieht? Inzwischen habe ich ein Ding zu laufen mit den vier Stunden. Der Assistent bedauert und sagt, die Ärztin habe tausende von Bildern zu begutachten, er könne wirklich nicht sagen, wie lange. Ich weine nur noch still vor mich hin, der Assistent sagt: „Der Pfleger fährt sie gleich wieder nach oben“, und eilt in die Pause. Es ist nachts, der Kellergang ist leergefegt und ich versuche, nicht in Panik zu verfallen.

Wie durch ein Wunder steht die CT-Ärztin vor mir. Sie hatte meine Verzweiflung gesehen und sich meine Bilder zuerst vorgenommen. „Sie kommen jetzt gleich auf Station, alles weitere dort.“ Sie drückt mich, und vor Dankbarkeit schluchze ich. Mittlerweile ist es 23 Uhr 30. Wieder oben in der Rettungsstelle wartet die Chirurgin schon auf mich. Jetzt geht alles sehr schnell. Sie kommt mit einem Antibiose-Beutel gerannt, mir wird ein Zugang gelegt und verkündet, ich sei ernsthaft krank, was ich nach all dem Warten kaum noch glauben kann. Doch, doch sagt sie, sie können nicht nach Hause. Und ab jetzt nur noch Wasser, Tee und Suppe!


Endlich auf Station

Ich lande auf irgendeiner Station, erst am nächsten Tag wird mein Bett in der Chirurgie frei. Im dunklen Dreier-Zimmer geht es geräuschvoll zu, schon nach zehn Minuten wird mir klar, an Schlaf ist nicht zu denken, je schneller ich mich damit abfinde, desto besser. Am Morgen bringt eine Pflegerin fröhlich zwitschernd das Frühstück. Ich weise darauf hin, dass ich das Brötchen mit Wurst und Käse nicht essen darf, doch sie flötet: „Was? Was soll denn das heißen? Essen Sie mal ruhig, das sieht doch lecker aus!“

Als sie mich später auf meine neue Station schiebt, legt die Krankenpflegerin los: „Haben Sie Ihre Kosmetika auch alle eingepackt? Sie glauben ja nicht, was die Leute hier alles vergessen. Aber die angebrochenen Flaschen dürfen wir ja nicht den Flüchtlingen geben, die sind sich ja zu fein dafür.” Mir stockt der Atem. Nachdem ich wieder Luft geholt habe, antworte ich ihr, dass sie als Pflegerin ja bestimmt weiß, dass das etwas mit Hygienevorschriften zu tun hat, und gar nichts mit Feinsein.

Ungetrübt dreht sie weiter auf. Es stellt sich heraus, dass sie eine Stelle als Leiharbeiterin hat und deshalb bei ver.di ausgetreten ist: „Die machen doch gemeinsame Sache mit der Klinik, um gegen uns Leiharbeiter vorzugehen. Dabei verdienen wir hier am meisten, und die meckern nur rum!” Ich versuche, ihr vom rollenden Krankenbett aus zu erklären, dass ver.di keine gemeinsame Sache mache, sondern sich in vielen und zähen Verhandlungen und mit Aktionen bemüht, auch ihr Arbeitsverhältnis in eine reguläre Vollzeit-Stelle umzuwandeln, aus der sie nicht einfach fristlos gekündigt werden kann. Umsonst.

Mein neues Zimmer auf der Chirurgie hat zwei Betten, in einem davon liegt Kibar. Sie ist 85 Jahre alt, lebt seit 40 Jahren in Deutschland und spricht kein Wort Deutsch, weil sie niemals die Wohnung verlassen hat. Ein kleines Muttchen mit Kopftuch, das sie auch im Bett sorgsam aufbehält. So ist sie es von klein auf gewohnt, wie ich später erfahren soll. Der Bruder hat ihr verboten, zur Schule zu gehen, sie kann weder lesen noch schreiben. Die Chefarztvisite kommt und eröffnet ihr in knappem Deutsch, dass sie inoperablen Magenkrebs habe und nicht mehr lange zu leben habe.

Ich frage mich, ob sie das verstanden hat, da kommen schon zwei ihrer insgesamt fünf Söhne zu Besuch. Was ihnen die Ärzte eröffnen, können sie zwar verstehen, aber glauben können sie es nicht. Operation? Zu alt, zu gefährlich. „Wann Mama gesund”, fragen sie mich jeden Tag. Ich erkläre ihnen noch einmal so schonend wie möglich, dass sie jetzt nur noch für ihre Mutter da sein und ihr Mut und gute Laune vermitteln können. Die beiden Männer weinen den ganzen Tag an Kibars Bett.

Mein Antibiose-Beutel wird dreimal am Tag von der einzigen diensthabenden Schwester auf der Station gewechselt. Sie muss sich um 25 Patienten kümmern. Am zweiten Abend sagt sie: „Ach, Frau Mansch, Sie sind doch so schön mobil. Sie würden uns einen Riesengefallen tun, wenn sie mit dem Gestänge nach vorne zu uns kommen könnten, dann muss ich nicht jedes Mal den langen Gang….” Na klar, mach ich, sage ich, und sie lächelt.

Als es wieder soweit ist, hat eine andere Schwester Dienst, sie ist sichtlich im Stress. „Was wollen Sie denn hier?”, schnappt sie. Ich erzähle ihr von dem Wunsch der Kollegin, sie fragt gehetzt, „na gut, haben Sie denn die Kappe für den Zugang dabei?” Ich lächle: „Natürlich hab ich auch die Kappe dabei”, und sie taut auf, freut sich und findet das aber „wirklich sehr nett“ von mir. Als ich den Gang zurückgehe, höre ich vom Zimmer gegenüber herzzerreißende Schreie. Das sei der syrische Flüchtling, wird mir erklärt. Immer, wenn einer von ihnen aus der Narkose aufwacht, kommt im Halbwachzustand hoch, was sie zuletzt erlebt haben, sagt die Schwester.

Ich ergreife die Flucht und gehe draußen eine rauchen. Unten treffe ich auf eine Pflegerin, die ihrem Feierabend entgegeneilt. Sie erzählt mir, dass sie eine 16-Stunden-Schicht hinter sich hat und nur noch nach Hause will. Arbeiten muss sie, bis sie umfällt, das hat ihr der letzte Rentenbescheid eindrücklich vermittelt. „Und dann der Personalmangel, dieses Konkurrenzverhältnis mit den Leiharbeiter/innen. Klar sind die alle nett und engagiert, aber man zieht am Ende halt doch nicht an einem Strang.” Die kleine blonde Frau zieht gestresst an ihrer Zigarette. „Selbstverständlich bin ich bei ver.di”, sagt sie, „ansonsten wären wir hier doch alle angeschmiert”.


Ohne Dolmetscher

Zurück im Zimmer versuche ich zu verstehen, wo Kibar der Schuh drückt. Wir verständigen uns mit Händen und Füßen, manchmal weint sie und sagt: „Kibar tot.“ Wann immer ihr Infusionsbeutel leer ist, rufe ich die Pflegerin, auch ihre Beschwerden müssen irgendwie übersetzt werden. Am nächsten Tag bitten mich die Söhne, zu der Besprechung mit dem Chefarzt dazuzukommen. Auf Nachfrage erhalte ich die Antwort „nein, es gibt hier leider keinen Dolmetscher, aber wir sind froh, dass Sie hier sind“. Morgen habe eine türkische Pflegerin Dienst, die verstehe Kibar bestimmt. Ich frage, wie die syrischen Flüchtlinge sich verständigen, und erhalte ein resigniertes Achselzucken als Antwort. Ein Krankenhaus mitten in einer Stadt mit einem hohen Ausländeranteil in der Bevölkerung – und es gibt nicht einen Dolmetscher.

Wenn ihre Söhne zu viel weinen, heitere ich Kibar damit auf, dass ich ihr Bett mit der Fernbedienung hoch und runter fahre, um ein wenig für Stimmung zu sorgen. Auch jeder Besuch von Alev, ihrer Enkelin, dritte Generation in Deutschland, hilft. Die junge Frau ist ein Wirbelwind, spricht akzentfreies Deutsch und macht gerade ihre Ausbildung zur Polizistin. Sie will Kriminalkommissarin werden, und die krassen Fälle sehen. Nur die Kanüle von Oma, das geht gar nicht, da muss sie sich wegdrehen. Sie kommt, verbreitet gute Laune, kämmt die Oma, lacht und scherzt und weg ist sie wieder.

Am späten Abend nutzt die nächste diensthabende Schwester die so seltene Gunst einer ruhigen Viertelstunde und schüttet mir ihr Herz aus; sie hat arge Sorgen wegen eines Mannes. Als sie geht, sagt sie erfreut, das sei wohl ihre erste Therapiesitzung gewesen, und dass die Gewerkschaft auch in privaten Fällen gut beraten kann, hätte sie jetzt nicht gedacht, sie fühle sich schon viel besser.


Keine Kooperation mit der Küche

Während meines gesamten Aufenthalts im Krankenhaus bekomme ich täglich das Gegenteil von dem zu essen, was der Arzt am Vortag angeordnet hat. Die Kooperation zwischen Arzt und der ausgegründeten Küche klappt so gut wie gar nicht, obwohl sich alle Beteiligten die größte Mühe geben. Als ich dann endlich wieder normal essen darf, gibt es nur noch pürierten Tapetenkleister, bis ich Krawall schlage, und der Pfleger los eilt, um Alternativen herbeizuschaffen. Kibar, die intravenös ernährt wird, wird jeden Tag aufs Neue gefragt, was sie essen möchte, und versteht nur Bahnhof.

Als ich nach einer Woche entlassen werde, sitzen wir beide am Bett und nehmen weinend Abschied. Wer soll jetzt übersetzen, wann sie duschen möchte, wann das Bett ihr Rückenschmerzen bereitet, wenn sie irgendetwas braucht? Den Schwesternknopf kann sie selbst nicht bedienen, die alte Frau ist völlig hilflos. Es nützt nichts, ich muss loslassen und das Beste für sie hoffen. Bevor ich gehe, pfeife ich ihr noch ein Lied zu einem albernen Tänzchen, sie fängt an zu lachen. Mehr kann ich nicht tun. Ich nutze die Gelegenheit, winke ein letztes Mal, bin aus der Tür und denke: Gesund ist das alles nicht.

_______________

Stichwort Personalbemessung

Gefährlich unterbesetzt
In einer bundesweiten Umfrage hatte ver.di bereits 2013 festgestellt, dass insgesamt 162.000 Stellen in den deutschen Krankenhäusern fehlen, allein 70.000 davon in der Pflege. Ein ver.di-Nachtdienstcheck hatte 2015 darüber hinaus ergeben, dass viele Stationen nachts teils gefährlich unterbesetzt sind. In 55 Prozent der Fälle war eine Pflegekraft für 25 Patienten allein zuständig. [...] <<


Quelle:
http://www.verdi.de/themen/gesundheit/++...7d-525400940f89



Ebenso Einblick bietet:
ENTEIGNET
Warum uns der Medizinbetrieb krank macht

von Sonia Seymour Mikich
Journalistin, Modoratorin von
ehem.: Magazin "Monitor",
akt.: "Presse-Club"


Mehr dazu und Rezensionen lesen:
https://www.amazon.de/Enteignet-Warum-Me...2699510&sr=8-1&


__________________
Philosophie bedeutet Liebe zur Wahrheit und:
Die Schmerzen einer Enttäuschung
sind die Geburtswehen einer Wahrheit

(língyáng)

Dieser Beitrag wurde 2 mal editiert, zum letzten Mal von língyáng: 14.08.2017 10:36.

14.08.2017 10:29 língyáng ist offline Beiträge von língyáng suchen Nehmen Sie língyáng in Ihre Freundesliste auf
S@ndBob S@ndBob ist männlich
im Ruhestand


images/avatars/avatar-511.jpg

Dabei seit: 22.02.2008
Beiträge: 6.833
Wohnort: Delmenhorst / NDS

Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Zitat:
Original von língyáng
@ bonito:
Wie schon öfter:
Das driftet hier m.E. zu weit vom Thema ab. Gerne weiter in der Plauderecke. Siehe also bitte hier
http://religionskritik.net/forum/thread....84547#post84547

link funktioniert nicht

Dieser Beitrag wurde 1 mal editiert, zum letzten Mal von S@ndBob: 14.08.2017 12:39.

14.08.2017 12:37 S@ndBob ist offline E-Mail an S@ndBob senden Homepage von S@ndBob Beiträge von S@ndBob suchen Nehmen Sie S@ndBob in Ihre Freundesliste auf
S@ndBob S@ndBob ist männlich
im Ruhestand


images/avatars/avatar-511.jpg

Dabei seit: 22.02.2008
Beiträge: 6.833
Wohnort: Delmenhorst / NDS

Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Wissenschaft - Nicht-Wissenschaft
14.08.2017 12:42 S@ndBob ist offline E-Mail an S@ndBob senden Homepage von S@ndBob Beiträge von S@ndBob suchen Nehmen Sie S@ndBob in Ihre Freundesliste auf
língyáng língyáng ist männlich
Routinier


images/avatars/avatar-510.jpg

Dabei seit: 01.07.2017
Beiträge: 284

Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

Bei mir klappen die links. Überlegen

__________________
Philosophie bedeutet Liebe zur Wahrheit und:
Die Schmerzen einer Enttäuschung
sind die Geburtswehen einer Wahrheit

(língyáng)
17.08.2017 14:11 língyáng ist offline Beiträge von língyáng suchen Nehmen Sie língyáng in Ihre Freundesliste auf
S@ndBob S@ndBob ist männlich
im Ruhestand


images/avatars/avatar-511.jpg

Dabei seit: 22.02.2008
Beiträge: 6.833
Wohnort: Delmenhorst / NDS

Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

bei mir jetzt auch beide
17.08.2017 19:07 S@ndBob ist offline E-Mail an S@ndBob senden Homepage von S@ndBob Beiträge von S@ndBob suchen Nehmen Sie S@ndBob in Ihre Freundesliste auf
língyáng língyáng ist männlich
Routinier


images/avatars/avatar-510.jpg

Dabei seit: 01.07.2017
Beiträge: 284

Auf diesen Beitrag antworten Zitatantwort auf diesen Beitrag erstellen Diesen Beitrag editieren/löschen Diesen Beitrag einem Moderator melden       Zum Anfang der Seite springen

>> Gesundheit und Profit

Interview mit Ursel Sieber über die Ablösung von Peter Sawicki und die Willfährigkeit der Politik gegenüber der Pharma-Lobby

Die Journalistin Ursel Sieber hat in ihrem Buch "Gesunder Zweifel" den verloren gegangenen Kampf des Pharmakritikers und Leiters des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen*, Peter Sawicki**, mit der Arzneimittelindustrie geschildert und einen Blick auf die skandalösen Praktiken im deutschen Gesundheitswesens geworfen. Telepolis sprach mit ihr darüber.

*
IGWiG:
https://www.iqwig.de

**
https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Sawicki


Frau Sieber, bei den Änderungen des Arzneimittelsparpakets durch die Regierungskoalition hat sich herausgestellt, dass mehrere Formulierungen nahezu wortwörtlich aus einer Vorlage der forschenden Arzneimittelhersteller übernommen worden sind. Ist dieser Vorfall symptomatisch für die politische Praxis im Bezug auf die Interessen der Pharma-Industrie? Wie sehen ihrer Meinung generell die Beziehungen zwischen der Politik und den Pharma-Lobbys aus?


Ursel Sieber:
Ja, das ist symptomatisch für die enge Beziehung zwischen Pharmaindustrie und Politik - leider. Die Industrie hat einen sehr großen Einfluss. Gerade deshalb hat die Industrie ja bis heute in Deutschland hervorragende Vermarktungsbedingungen:

Einen freien Zugang zum Markt, direkt nach der Zulassung und freie Preisbildung für neue Medikamente. Ich zeige in meinem Buch, wie und warum der Lobbyismus so gut funktioniert. Die Firmen und der Verband der forschenden Arzneimittelhersteller VfA haben über Jahre die Nutzen-Bewertung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen IQWiG kritisiert und behauptet, das Institut würde die falschen Studien zur Bewertung heranziehen, die Wahrheit verbiegen und Sparanforderungen der Krankenkassen durchsetzen.

Es war eine regelrechte Kampagne, organisiert von der Abteilung "GO" im VfA - auch "Anti-Sawicki-Abteilung" genannt. Unter Peter Sawicki ist die Industrie aber mit ihrer Forderung, auch schlechtere Studien - also Studien, die nur einen niedrigen oder mittleren Evidenzgrad und keinen wirklichen Beweischarakter haben, zu berücksichtigen, nicht durchgedrungen. Und Sawicki und das Institut konnten sich auf Kriterien berufen, die im Gemeinsamen Bundesausschuss zwischen Ärzten, Krankenkassen und Krankenhäusern abstimmt waren. Diese Kriterien sind im Übrigen international anerkannt.

Weil die Industrie mit ihren Versuchen in den letzten Jahren nicht durchdringen konnte, versucht sie es jetzt direkt über die Regierung: per Rechtsverordnung des Bundes sollen die Kriterien für die Nutzenbewertung von Medikamenten und Behandlungen festgeschrieben werden, und zwar "weichere Kriterien", die dazu führen werden, dass auch Studien mit niedrigeren Evidenzgrad einbezogen werden sollen. Das macht die Nutzenbewertung von Medikamenten im Grunde wertlos. Wenn das alles so umgesetzt wird, ist das erneut ein erstaunlicher Erfolg der Industrie.

Das ist nicht nur teuer, weil damit nutzlose Medikamente im Markt bleiben - das ist auch schädlich für Patienten und kann sogar tödlich enden. Ich will das an einem Beispiel erläutern: Jahrelang wurden Frauen in den Wechseljahren Hormonoe verordnet. Der Berufsverband der Frauenärzte und verschiedene Fachgesellschaften behaupteten, die Hormonersatztherapie diene der Vorsorge, der Verhinderung von Schlaganfällen und Herzinfarkten.

Doch erst in einer großen unabhängigen, sogenannten "kontrollierten randomisierten" Studie -das ist der Fachbegriff - zeigte sich genau das Gegenteil: Unter der Hormonersatztherapie erkrankten nicht nur mehr Frauen an Brustkrebs, es gab auch mehr Herzinfarkte und Schlaganfälle.

Damit war klar: Vielen tausend Frauen, die Hormone eingenommen hatten, war Schaden zugefügt worden, weil die Fachverbände mit ihren Empfehlungen und Leitlinien sich voreilig auf Studien mit niedrigem Evidenzgrad gestützt hatten, die keine zuverlässigen Schlussfolgerungen erlaubten. […] <<


Quelle und ganzes Interview:
https://www.heise.de/tp/features/Gesundh...it-3503269.html


Buch
GESUNDER ZWEIFEL
von Ursel Sieber

Klappentext:
2004 wird Peter Sawicki Leiter des IQWiG (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen). Keiner kennt die Tricks und Geschäftspraktiken der Industrie wie er: Jedes zweite neue Medikament ist nur teurer, aber nicht besser, schadet oft sogar. Professor Sawicki nimmt den Auftrag der Politik und der Krankenkassen ernst, am Ende gilt er als Spielverderber.
Er will keine Rationierung, keine Zweiklassen-Medizin. Mutig und kompromisslos fordert er, dass Wirksamkeit und Nutzen von Medikamenten und Therapien bewiesen sein müssen. Er verlangt simple Dinge: Rationalität, unabhängige Studien – gerade wenn es um die großen Volkskrankheiten wie Demenz, Bluthochdruck, Diabetes und Depression geht.
Sawicki spricht Wahrheiten aus, die der Pharma-Industrie weh tun. Den Krankenkanssen handelt und denkt er zu unabhängig, zu eigenständig. Auch die Krankenhäuser und ihre Lobby sperren sich dagegen, dass Vernunft in den Therapiealltag einzieht: Dieses Buch ist ein kritischer Blick hinter die Kulissen des Medizinbetriebs.

______________

Die Journalistin Ursel Sieber zeichnet in ihrem Buch den Einsatz von Peter Sawicki für eine unabhängige Medizin nach. Seine Überzeugung lautet: Eine bessere Medizin wäre möglich – ohne Zusatzbeiträge der Krankenkassen, ohne immer mehr Geld in eine krankes System zu pumpen.
Doch aus politischen und wirtschaftlichen Gründen werden Sawicki immer wieder neue Steine in den Weg gelegt. Am Ende werden er und das IQWiG im Gesundheitswesen in Deutschland diskreditiert, obwohl beide international hohes Ansehen genießen.

„Es gibt kaum einen Menschen, den die Pharmaindustrie mehr hasst, als Peter Sawicki – aber auch keinen, den sie mehr fürchtet.“ (DER SPIEGEL)

https://www.amazon.de/Gesunder-Zweifel-E...esunder+zweifel

__________________
Philosophie bedeutet Liebe zur Wahrheit und:
Die Schmerzen einer Enttäuschung
sind die Geburtswehen einer Wahrheit

(língyáng)

Dieser Beitrag wurde 2 mal editiert, zum letzten Mal von língyáng: 19.08.2017 18:04.

19.08.2017 17:20 língyáng ist offline Beiträge von língyáng suchen Nehmen Sie língyáng in Ihre Freundesliste auf
Seiten (2): « vorherige 1 [2] Baumstruktur | Brettstruktur
Gehe zu:
Neues Thema erstellen Antwort erstellen
Forum Religionskritik » WISSENSCHAFT & FORSCHUNG » Gesundheit & Medizin » MEDIZIN & freie MARKTWIRTSCHAFT


Large Visitor Globe
   WBB2.3.6.Woltlab GmbH Besucher seit dem 26.Oktober 2013 kostenlose counter Design: S@ndBob & wbbdesign.com/Denis